Zugespitzt

Nach Griechenland wird jetzt auch Italien ein De-facto-Generalgouvernement der EU. Während in Athen nach der Absage des Referendums ein ehemaliger Vizepräsident der Europäischen Zentralbank im Amt des Ministerpräsidenten installiert wird, ein „Experte“, wie die große Mehrheit der deutschen Medien treuherzig versichert, und eine „Große Koalition“ nach deutschem Vorbild bilden soll, ist die Lage in Rom diffiziler. Dort ist es neben der EU-Kommission nicht zuletzt die italienische Industrie selber, die auf angeblich „überfällige Reformen“ drängt. Die bestehen, wir ahnen es, aus dem üblichen Katalog der neoliberalen Kirche: Liberalisierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, Privatisierung von Staatsbetrieben, Anhebung des Renteneintrittsalters. Damit wird sicher gestellt, dass auch in Italien zuallererst die Lohnabhängigen die Krisenfolgen zu tragen haben. Das Funktionieren der Finanzmärkte muss gewährleistet bleiben.

In Brüssel und Berlin, aber auch in Turin am Sitz des Fiat-Konzerns und seines publizistischen Sprachrohrs „La Stampa“* ist man sicher, dass Berlusconi zu diesem Umverteilungsprogramm von unten nach oben nicht mehr in  der Lage ist und eine Mitte-Links-Regierung nach einem zu erwartenden Wahlsieg im Februar diese Maßnahmen effizient umsetzen wird. Auch hier steht das deutsche Vorbild Pate. Nach bewährter Manier ist in den deutschen Medien einmal mehr von einem „Reformstau“ die Rede; die Italiener hätten – wir kennen das von „den Griechen“ – viel zu lange „über ihre Verhältnisse gelebt“, heißt es. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland beklagt die „hohen Lohnkosten“, unter denen die italienische Wirtschaft ächze. Unausgesprochen bleibt, dass es die sinkenden deutschen Lohnkosten – also de facto mindestens stagnierende, wenn nicht fallende Löhne – und in deren Gefolge die gigantischen deutschen Exportüberschüsse sind, die die anderen EU-Staaten wie etwa Italien erst in die Abwärtsspirale getrieben haben. Man könnte auch sagen, Deutschland verdirbt die Preise. Aber man sagt es nicht.

Nicht ohne Ironie ist, dass es nun ausgerechnet der rechte Unternehmer und politische Emporkömmling Silvio Berlusconi ist, der durch diese merkwürdige Volte der Geschichte auf der Strecke bleibt. Doch zeigt sich in Italien – und Griechenland – nur drastischer, was auch in Deutschland offenbar ist: Die „Wirtschaft“ duldet in dieser zugespitzten Situation keinen Widerspruch mehr. fb

* Siehe den in dieser Hinsicht bezeichnenden Auftritt des Berliner „La Stampa“-Korrespondenten Alessandro Alviani als angeblichen „Italien-Experten“ im ARD-Morgenmagazin am 9. November 2011

Selbstmitleid

Heute habe ich irgendwo gelesen, ich glaube, es war bei Facebook, dass der Kommunikationsbranche die Zukunft gehöre. Umsätze und Gewinne stiegen, hieß es. Bezeichnend schon, dass Umsätze und Gewinne mit Zukunftsfähigkeit gleichgesetzt werden und die Qualität keine Rolle zu spielen scheint. Blickt man einmal genauer auf die „Kommunikationsbranche“, speziell auf deren traditionsreichste Sparte, das gedruckte, in Zeiten des Internet auch online servierte Wort, kommen einem schon Zweifel an der Zukunftsfähigkeit der Kommunikationsbranche als Ganzes.

Willkürliches Beispiel: die „Süddeutsche Zeitung“. Früher ein debattierfreudiges, auch mal aneckendes Medium von Rang. Eines, das sich etwa auch weit über jeden Lokalpatriotismus zu erheben wusste. Heute zurückgesunken auf das Niveau einer durchschnittlichen Lokalzeitung. Exemplarisch der nicht endende wollende Kommentar eines gewissen Ulrich Schäfer im heutigen Lokalteil zur Niederlage Münchens in der Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2018.

Das IOC habe sich mit seiner Entscheidung gegen die Kultur gestellt:

Hier München mit seiner 853jährigen Geschichte, dem Oktoberfest, dem Viktualienmarkt, den prachtvollen Schlössern im Umland.

Ohweh, das IOC hat sich für Asien, für den Kommerz entschieden:

Und dort ein asiatischer Skiort aus der Retorte, dessen Straßen so heimelig sind wie ein mittelprächtiges Einkaufszentrum; ein Ort, dessen Pisten für Olympia aus dem Boden gestampft wurden, weil im Umkreis von zwei Flugstunden angeblich eine Milliarde Menschen darauf warten, das tun zu können, was die Europäer seit Jahrzehnten machen: Ski fahren.

Man darf schon fragen, auf welchem Planeten Ulrich Schäfer die letzten Jahrzehnte gelebt hat. Der Planet Erde/Deutschland/Bayern/München kann es wohl wirklich nicht gewesen sein. Die bayerische Metropole, das sanfte und bescheidene Dorf von Welt, das sich tapfer jedem Kommerz entgegenstellt. Offenbar so weit konsensfähig in der „SZ“-Redaktion, dass dieser Kommentar heute zum Aufmacher der ganzen Website wurde. Was will die „SZ“ damit beweisen? Naiven Provinzialismus?

Das große Dorf an der Isar ist durch Olympia 1972, die Fußball-WM 1974 und die vielen internationalen Bands, die in den siebziger Jahren hier ihre Schallplatten aufnahmen, beinahe zur Weltstadt aufgestiegen. Doch in den vergangenen Jahren wirkte München zu selbstgefällig, zu zufrieden mit sich. Olympia hätte manches aufgebrochen, nicht nur den Untergrund der Innenstadt, durch den bis 2018 ein zweiter Tunnel für die S-Bahn getrieben werden sollte.

München=Robert Lembke, Gustl Bayrhammer, Franz Beckenbauer und Donna Summer. Das große Dorf an der Isar. Verklärter geht’s nimmer. Und klar, wer das Idyll stört: widerspenstige alpenländische Bauerntrampel, die ihre Heimat partout nicht für ein paar Parkplätze des IOC-Tross betonieren lassen wollen.

(…) eine Bewerbung, die sich anfangs an widerspenstigen Bauern abarbeitete, die von Finanzproblemen begleitet war und die mittendrin ein neues Gesicht und damit neuen Schwung bekam: Kati Witt, die ostdeutsche Eislauf-Heldin, übernahm von Willy Bogner, dem glücklosen Filme- und Modemacher und einstigen Skirennläufer.

Womit zugleich die tragische Heldin eingeführt ist. Das schwungvolle, sympathische Mädel aus dem Osten – Kati Witt. Allzeit bereit, sich den Gegebenheiten der Zeit anzupassen und ihr Äußeres in bare Münze zu verwandeln. Natürlich fehlt bei Schäfer nicht die „Jugend der Welt“, die nun einen Bogen um die Stadt machen werde. Ebenso wie die „Konzerte von Weltrang“, die zuletzt eher „in Freiburg und Wuppertal“ stattgefunden hätten. Welch Schmach für die Stadt des Oktoberfestes! Doch überlassen wir die fast letzten Worte noch einmal Ulrich Schäfer:

Die Münchner Olympia-Bewerber werden sich in den nächsten Wochen fragen: Was haben wir falsch gemacht? Waren wir zu fair? Am Ende könnte der Entschluss stehen, sich nochmals zu bewerben, für 2022. Und zu zeigen, dass die olympische Idee nicht bloß dem Geld verpflichtet ist, sondern auch der Tradition.

Genau. Geld und Kommerz spielen in München keine Rolle. Alles die bösen und hinterhältigen Asiaten. Frank Behrens

Als Springers mal nach Lübeck fuhren

Springers Heimatzeitung hat den deutschen Nationaldichter gesprochen. Drei Redakteurinnen und Redakteure, darunter der Chef, und ein Fotograf begaben sich auf die A1 und legten die etwa 60 Kilometer zum Günter-Grass-Haus in der Lübecker Innenstadt zurück.

Heraus kam ein opulent bebildertes, zweiseitiges Interview – nordisches Format – samt Eingangsschmonzette („Der Weg zu Günter Grass führt über eine steile Holztreppe“) im Kultur-Teil des „Hamburger Abendblatt“. Überschrift: „Ich bin radikaler geworden.“ Dem Titel brachte der Lübeck-Ausflug die Headline „Grass warnt Deutsche vor Öko-Diktatur“ ein.

Wie das? Das weckte nun doch mein Interesse und ich erwarb gegen meine sonstige feste Gewohnheit Springers heißes Blatt. Eine weitere Neuerfindung des ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS? Des SPD-Wahlkämpfers („Willy wählen“) und langjährigen Springer-Boykotteurs? Das Ergebnis ist ernüchternd.

Neben allerlei zeittypischen Erwägungen zur Atomenergie im Allgemeinen und zur schwarz-gelben Laufzeitverlängerung im Lichte von Fukushima im Besonderen dämmert dem Literaturnobelpreisträger irgendwann, wer ihm gegenüber sitzt. Auf die „Abendblatt“-Bemerkung „Sie haben ja eine Zeit lang Medien boykottiert“, antwortet der 83jährige Grass:

Ja, die von Springer. Sie sind doch von Springer?

Die treuherzige Antwort der Heimatzeitungsredakteure kommt prompt: „Ja, das Hamburger Abendblatt erscheint in der Axel Springer AG.“ Darauf wieder Grass:

Ich mache hier die Ausnahme, weil es um die Atomfrage geht.

Diese Bemerkung leitet die Passage ein, aus der das „Abendblatt“ später die Titel-Headline deichseln sollte, nach der Grass angeblich vor einer Öko-Diktatur warne. In Wirklichkeit sagt der Mann, der seinen Prinzipien wohl besser treu geblieben wäre, auf die Frage „Glauben Sie, dass das Thema Atomenergie heute das wichtigste Thema ist?“:

Wissen Sie, das gibt es nicht, EIN wichtigstes Thema. Das Ende der Ressourcen, das Ende des Wachstums, die Globalisierung, die Wasserknappheit, das alles ist genauso wichtig. Die Gefahr ist, dass sich in naher Zukunft all das zusammenballt. Die Verteuerung der Lebensmittel, die die Menschen hier nur ein wenig ärgert, schlägt in der sogenannten Dritten Welt existenziell zu Buche. Ob das der steigende Soja- oder Reispreis ist.

Hamburger Abendblatt: Was befürchten Sie, was kommt konkret auf uns zu, wenn all diese Dinge sich ballen?

Grass: Meine schlimmste Befürchtung ist, dass wir eine Öko-Diktatur bekommen. Wir müssten dann mit Notstandsverordnungen leben. Die Atomkatastrophe in Japan kann man nicht mehr so handhaben wie Tschernobyl zu Zeiten der Sowjetunion. (…)

Hamburger Abendblatt: Das heißt, nur eine Diktatur kann gegen solche Katastrophen vorgehen, weil die Demokratie so lange diskutiert, bis das Problem …

Grass: … jetzt machen Sie einen gewaltigen Schritt. Nein, wir müssen auf demokratische Art und Weise die Politiker wieder handlungsfähig machen und den Einfluss der Lobby begrenzen. (…)

Hamburger Abendblatt: Das bedeutet, dass Demokratien mit dem Ausmaß der Katastrophen, die auf uns zukommen, gar nicht umgehen können?

Grass: Ja, sicher Die Notstandsgesetze der Bundesrepublik sind bis jetzt noch nicht zur Anwendung gekommen – Gott sei Dank. Aber sie schlummern… Das wäre dann der erste Schritt…

(alle Zitate aus der gedruckten Ausgabe des Hamburger Abendblatt vom 9. April 2011)

So bekam das „Hamburger Abendblatt“ mal eine schöne Titelschlagzeile, die nahelegt, Grass warne die Bundesbürger vor einer Öko-Diktatur und die dabei unterschlägt, was Grass wohl eigentlich meinte: Atomstaats-Szenarien, wie sie Robert Jungk in den siebziger Jahren zeichnete. Bezeichnenderweise fällt der Name Jungk an anderer Stelle im Interview, ohne unmittelbaren inhaltlichen Zusammenhang zur zitierten Passage.

Also keine wiederholte Neuerfindung Grass‘, doch wohl ein Fehler seinerseits, den Springer-Boykott, den er seit 1967 durchhielt, zu durchbrechen.