Vorschlag

Deutschland ist pleite. Zum dritten Mal. Nach 1918 war es pleite, weil der Kaiser einen Platz an der Sonne herbeischießen wollte. Nach 1945, weil die Nazis halb Europa abgeschlachtet und einen guten Teil der Welt in Brand gesteckt hatten. Und jetzt, weil systemrelevante Banken seit dem Lehman-Crash im Akkord gerettet werden. 1948 half der Währungsschnitt. Heute setzen Wirtschaft und Politik auf die Schuldenbremse. Aber was war eigentlich nach 1918, der Hyper-Inflation von 1923 und dem Crash von 1929?

Die Reichsregierung, bis in den März 1930 noch eine Große Koalition aus SPD und diversen bürgerlichen Parteien (Zentrum, DDP, DVP, BVP), ging auf das Kredit-Angebot des schwedischen Industriellen Ivar Kreuger – es ging um 500 Millionen Reichsmark bei einer Laufzeit von 53 Jahren – ein und erließ im Gegenzug das Zündwarenmonopolgesetz. Zitat Wikipedia:

Das Zündwarenmonopol in Deutschland geht zurück auf das 1930 durch den Reichstag erlassene Zündwarenmonopolgesetz. Aufgrund dieses Gesetzes durften Zündhölzer im Deutschen Reich und in der Folge auch in der Bundesrepublik Deutschland nur von der Deutschen Zündwaren-Monopolgesellschaft vertrieben werden. Die Markennamen waren Welthölzer und Haushaltsware. Den deutschen Herstellern wurden bei der Einrichtung des Monopols Produktionskontingente zugeteilt; Exporte oder die Neugründung von Unternehmen waren nicht erlaubt. Das Monopolgesetz entstand auf Betreiben des schwedischen Industriellen Ivar Kreuger, der an Deutschland, wie auch an 16 andere Länder, im Austausch dafür hohe Kredite zu günstigen Bedingungen vergab. (…)

Aufgrund ihrer Identität mit dem Deutschen Reich übernahm die Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg auch das Zündwarenmonopol. Die Reichsanleihe wurde komplett zurückgezahlt und das Zündwarenmonopol erst zum vorgesehenen Termin (16. Januar 1983) aufgehoben. Daraufhin fielen die Preise um ein Drittel.

Die Älteren erinnern sich daher auch noch an die Welthölzer (siehe Foto), die übrigens qualitativ besser waren als die heute meist aus Billigproduktion stammenden Zündwaren.

Zugegeben – ganz hat es nicht gereicht, das Geld aus dem Kreuger-Kredit. Ein gewisser Heinrich Brüning versuchte ab 1930 das Reich auf der Basis Hindenburg’scher Notverordnungen tot zu sparen wie heute die Kanzlerin Europa auf Basis der herrschenden Wirtschaftslehre. Was zweierlei beweist: Betriebswirte sind heute das, was vor 80 Jahren preußische Offiziere waren. Und: Es gibt immer eine Alternative. fb

Man spricht deutsch

In einem Internetforum ging es vor einigen Tagen um Großbritannien. Was produziere und exportiere das Land eigentlich noch? Etwas Marmelade? Whiskey? Dahinter stand die Vorstellung der „Blasenökonomie UK“, die sich allein auf Spekulationen und Wetten der Londoner City stütze, während im Lande selbst sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Abwegig ist das nicht, andererseits schützt auch eine Dominanz der „Realwirtschaft“ nicht vor dem Phänomen einer wachsenden sozialen Kluft, wie das Beispiel Deutschland zeigt.

Großbritannien – da war doch noch was? Stimmt, das Land ist ein wichtiges Ölförderland mit seinen Bohrinseln in der Nordsee. Doch aktuelle Zahlen zeigen, dass den Feldern wohl langsam das Öl ausgeht.

In Italien hat derweil eine Technokratenriege um Ex-EU-Kommissar Mario Monti das Erbe des „Cavaliere“ angetreten. Allerdings ist der Plan, im kommenden Frühjahr Neuwahlen anzusetzen, vom Tisch. Damit nähert sich das Land nun auch der formalen Marktdiktatur. Nicht einmal das „Handelsblatt“ lässt da Zweifel aufkommen.

In Griechenland ist die Situation ähnlich und dazu passt, dass auf dem CDU-Parteitag in Leipzig deren Bundestags-Fraktionschef Volker Kauder jubelt: „Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen.“ Was frühere Generationen nur kurzzeitig erreichten, soll jetzt offenbar nachhaltig gelingen. fb

Zugespitzt

Nach Griechenland wird jetzt auch Italien ein De-facto-Generalgouvernement der EU. Während in Athen nach der Absage des Referendums ein ehemaliger Vizepräsident der Europäischen Zentralbank im Amt des Ministerpräsidenten installiert wird, ein „Experte“, wie die große Mehrheit der deutschen Medien treuherzig versichert, und eine „Große Koalition“ nach deutschem Vorbild bilden soll, ist die Lage in Rom diffiziler. Dort ist es neben der EU-Kommission nicht zuletzt die italienische Industrie selber, die auf angeblich „überfällige Reformen“ drängt. Die bestehen, wir ahnen es, aus dem üblichen Katalog der neoliberalen Kirche: Liberalisierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, Privatisierung von Staatsbetrieben, Anhebung des Renteneintrittsalters. Damit wird sicher gestellt, dass auch in Italien zuallererst die Lohnabhängigen die Krisenfolgen zu tragen haben. Das Funktionieren der Finanzmärkte muss gewährleistet bleiben.

In Brüssel und Berlin, aber auch in Turin am Sitz des Fiat-Konzerns und seines publizistischen Sprachrohrs „La Stampa“* ist man sicher, dass Berlusconi zu diesem Umverteilungsprogramm von unten nach oben nicht mehr in  der Lage ist und eine Mitte-Links-Regierung nach einem zu erwartenden Wahlsieg im Februar diese Maßnahmen effizient umsetzen wird. Auch hier steht das deutsche Vorbild Pate. Nach bewährter Manier ist in den deutschen Medien einmal mehr von einem „Reformstau“ die Rede; die Italiener hätten – wir kennen das von „den Griechen“ – viel zu lange „über ihre Verhältnisse gelebt“, heißt es. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland beklagt die „hohen Lohnkosten“, unter denen die italienische Wirtschaft ächze. Unausgesprochen bleibt, dass es die sinkenden deutschen Lohnkosten – also de facto mindestens stagnierende, wenn nicht fallende Löhne – und in deren Gefolge die gigantischen deutschen Exportüberschüsse sind, die die anderen EU-Staaten wie etwa Italien erst in die Abwärtsspirale getrieben haben. Man könnte auch sagen, Deutschland verdirbt die Preise. Aber man sagt es nicht.

Nicht ohne Ironie ist, dass es nun ausgerechnet der rechte Unternehmer und politische Emporkömmling Silvio Berlusconi ist, der durch diese merkwürdige Volte der Geschichte auf der Strecke bleibt. Doch zeigt sich in Italien – und Griechenland – nur drastischer, was auch in Deutschland offenbar ist: Die „Wirtschaft“ duldet in dieser zugespitzten Situation keinen Widerspruch mehr. fb

* Siehe den in dieser Hinsicht bezeichnenden Auftritt des Berliner „La Stampa“-Korrespondenten Alessandro Alviani als angeblichen „Italien-Experten“ im ARD-Morgenmagazin am 9. November 2011

Wohl leider unmöglich

„Die Griechen wollen so weiter leben wie bisher. Das ist verständlich, aber wohl leider unmöglich.“ (Moderatorin Susanne Conrad am 15. Juni 2011 im ZDF)

Vor einigen Tagen hatte ich wieder einmal Post der Gebühreneinzugszentrale (GEZ) aus Köln im Briefkasten. Wie seit mindestens fünf oder sechs Jahren alle drei Monate. Der Inhalt: eine Einzugsermächtigung. Nein, ich bin kein Schwarzseher. Auch kein Schwarzhörer.  Die Behörde kann es aber offensichtlich nicht hinnehmen, dass ich einen Dauerauftrag geschaltet habe, um meine Quartals-Schuld bei ihr zu begleichen. Nein, man will aus eigenem Recht vom Konto abbuchen.

Dann kommen die Tage, an denen ich mich frage, warum ich überhaupt noch für eine Leistung zahle, die aus meiner Sicht immer zweifelhafter wird. Wer braucht das Fernsehen noch? Das privat-kommerzielle mit seinen Quotenserien und Rateshows, das staatlich-kommerzielle mit seinen Quotenserien, Rateshows  – und mediokren Nachrichtensendungen.

Beispiel Griechenland-Berichterstattung: Die oben zitierten zwei Sätze der ZDF-Moderatorin Susanne Conrad stammen aus der Abmoderation eines Beitrages, der sich mit dem Anwachsen der Schwarzarbeit in Griechenland befasste. Als Kronzeuge wurde ein Tischler präsentiert, der sich verständlicherweise nicht offen zeigen wollte. Ist doch das, was er da treibt, Steuerhinterziehung. Doch wie meistert das deutsche Fernsehen diese Klippe? Es zeigt die im Mundwinkel hängende Zigarettenkippe und bedient damit bewusst das Klischee des faulen, leichtlebigen, vielleicht leichtfertigen Griechen. Bei einer Reportage über Schwarzarbeit in Deutschland habe ich dieses Stilmittel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen noch nicht gesehen.

Da darf man sich dann auch über solche Abmoderationen nicht wundern, denen man nur ein Wort wegnehmen muss, um beim Vokabular des Unmenschen zu landen. Zustande kommt dies durch eine Unbedarftheit, vielleicht Faulheit, zu hinterfragen, was hinter der sogenannten Griechenland-Krise steckt. Ist es nicht vielleicht so, dass europäische, nicht zuletzt deutsche Banken prächtig an den Krediten für das Ägäis-Land verdienen? Dass die deutsche Rüstungsindustrie prächtig an den griechischen Waffenkäufen, finanziert mit deutschen Krediten, verdient hat? (Und die Türkei, den Intimfeind der Griechen, ebenfalls aufrüstet?) In wessen Interesse ist die Griechenland-Hilfe eigentlich? Und wer bekommt etwas davon ab? Der gemeine Grieche, der so weiter leben will wie bisher?

Das mit dem Fernsehen muss ich mir nochmal überlegen. Frank Behrens

Gefühlte Inflation

Das Thema Inflation lässt mich derzeit nicht los. Der Statistik-Professor Hans Wolfgang Brachinger von der Universität Fribourg in der Schweiz hat bereits vor Jahren einen „Index der gefühlten Inflation“, den IWI-Index,  entwickelt, der das subjektive Teuerungsempfinden der Verbraucher besser abbilden soll als die offiziellen Warenkörbe, in die auch Waren des längerfristigen Bedarfs einfließen, die die Konsumenten nur selten auf dem Einkaufszettel haben. Weil diese Produkte, zum Beispiel technische Geräte wie Fernseher oder Computer, aber eher günstiger werden, dänpfen sie in den Warenkörben die Inflationsrate.

Der IWI-Index gewichtet diese Güter des langfristigen Bedarfs geringer und kommt damit Verbrauchern entgegen, die solche Produkte ihrem subjektiven Eindruck nach selten oder gar nie kaufen. So vereinfacht das Funktionsprinzip des IWI-Index, der inzwischen auch in der Wirtschaftsforschung Beachtung findet, da das subjektive Empfinden der Konsumenten durchaus nicht irrelevant ist.

Wie er auf die Idee zum „Index der gefühlten Inflation“ kam, welche Bedeutung er hat und welche Grenzen, das erzählt Professor Brachinger im Interview, das im „Forum“-Magazin erschienen ist. PDF-Dokument