Aschermittwoch

Deutschland im Karneval. Donnerstag, Altweiberfastnacht, kurz vor der Tagesschau, beantragt die Staatsanwaltschaft Hannover die Aufhebung der Immunität von Bundespräsident Christian Wulff. Freitag um Elf Uhr Elf verlässt der Bundespräsident mit seiner Frau Bettina die politische Bühne im Schloss Bellevue: Gerade ist er zurück getreten. Am Samstag verkündet Kanzlerin Angela Merkel, man wolle bis spätestens Aschermittwoch einen gemeinsamen Kandidaten präsentieren. Es folgt das Spiel „und der ist raus“; eine Art negatives Name Dropping läßt Kandidaten-Kandidaten purzeln: Klaus Töpfer (gilt der FDP als schwarz-grüner Kandidat), Andreas Voßkuhle (will nicht), Norbert Lammert (will auch nicht), eine Frau (findet sich nicht) und so weiter.

Am Sonntag konferiert die ganz große Koalition aus CDU/CSU, FDP, SPD und Grünen. Die beiden zuletzt Genannten hatten unter dem Beifall einiger Leitmedien (in erster Linie „Bild“, „Welt“, „Süddeutsche“ und „Spiegel“) inzwischen ihren Kandidaten von 2010, Joachim Gauck, wieder aufgewärmt. Die FDP entdeckt den „DDR-Bürgerrechtler“, wie er in den Medien genannt wird, als Chance zur Profilierung in der schwarz-gelben Koalition. Kurz scheint der Bruch der Koalition zu drohen, bevor die Kanzlerin am Sonntag abend einlenkt und ihr Placet gibt zum vorgeblichen „Präsidenten der Herzen“. Die „Süddeutsche“ kann nun endlich vom „Wunder namens Gauck“ schreiben. Und auf den Wagen des rheinischen Karnevals darf ein Gauck aus den Eiern schlüpfen, die ein abgestürzter Wulff-Adler hinterlässt.

Nun wachen auch diverse Blogs auf und erinnern sich einiger Kommentare Gaucks, die so gar nicht zum weltoffenen Image des aufgeklärten Christenmenschen passen wollen, das die Leitmedien dem Erwählten geben. Sei es Gaucks Bemerkung vom „mutigen Sarrazin“, seine Apologetik der Hartz-Reformen, seine interpretationsfähigen Aussagen zu Auschwitz als angeblichem „Gottersatz“ einer verweltlichten Gesellschaft und vieles mehr. Das fällt einem der Leitmedien auf: Spiegel Online dekretiert, Gauck sei anders als noch 2010 nicht mehr der Kandidat des Netzes. Unwillkürlich fragt man sich, ob der „Spiegel“ vor zwei Jahren noch keinen Zugang zum Internet hatte.

In der „taz“ gibt der eigentliche Erfinder des Präsidentenkandidaten, Jürgen Trittin, derweil ein bemerkenswertes Interview. Demnach habe er Gauck 2010 vorgeschlagen in dem Wissen, dass er ein Konservativer sei, dessen Aussagen Debatten anstoßen könnten. Das Verdienst, einen konservativen Bundespräsidenten installiert zu haben, deutet Trittin dabei in einen politischen Erfolg um: „Wir haben Frau Merkel nach der Abschaffung der Wehrpflicht, nach dem Atomausstieg auch in der Frage des Bundespräsidenten unsere Position aufgezwungen. Nun ist es also im dritten Fall offensichtlich, dass Schwarz-Gelb nicht mehr die Macht hat, seine Politik gegen uns durchzusetzen. Das halte ich für einen großen politischen Erfolg von Bündnis 90/Die Grünen.“ Und übermorgen ist Aschermittwoch. fb

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