Grünkohlessen 2011

Holsteiner Grünkohl mit karamellisierten Bratkartoffeln, Schweinebacke, Kassler und Kohlwurst

 

Alle Fotos hier.

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Vorschlag

Deutschland ist pleite. Zum dritten Mal. Nach 1918 war es pleite, weil der Kaiser einen Platz an der Sonne herbeischießen wollte. Nach 1945, weil die Nazis halb Europa abgeschlachtet und einen guten Teil der Welt in Brand gesteckt hatten. Und jetzt, weil systemrelevante Banken seit dem Lehman-Crash im Akkord gerettet werden. 1948 half der Währungsschnitt. Heute setzen Wirtschaft und Politik auf die Schuldenbremse. Aber was war eigentlich nach 1918, der Hyper-Inflation von 1923 und dem Crash von 1929?

Die Reichsregierung, bis in den März 1930 noch eine Große Koalition aus SPD und diversen bürgerlichen Parteien (Zentrum, DDP, DVP, BVP), ging auf das Kredit-Angebot des schwedischen Industriellen Ivar Kreuger – es ging um 500 Millionen Reichsmark bei einer Laufzeit von 53 Jahren – ein und erließ im Gegenzug das Zündwarenmonopolgesetz. Zitat Wikipedia:

Das Zündwarenmonopol in Deutschland geht zurück auf das 1930 durch den Reichstag erlassene Zündwarenmonopolgesetz. Aufgrund dieses Gesetzes durften Zündhölzer im Deutschen Reich und in der Folge auch in der Bundesrepublik Deutschland nur von der Deutschen Zündwaren-Monopolgesellschaft vertrieben werden. Die Markennamen waren Welthölzer und Haushaltsware. Den deutschen Herstellern wurden bei der Einrichtung des Monopols Produktionskontingente zugeteilt; Exporte oder die Neugründung von Unternehmen waren nicht erlaubt. Das Monopolgesetz entstand auf Betreiben des schwedischen Industriellen Ivar Kreuger, der an Deutschland, wie auch an 16 andere Länder, im Austausch dafür hohe Kredite zu günstigen Bedingungen vergab. (…)

Aufgrund ihrer Identität mit dem Deutschen Reich übernahm die Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg auch das Zündwarenmonopol. Die Reichsanleihe wurde komplett zurückgezahlt und das Zündwarenmonopol erst zum vorgesehenen Termin (16. Januar 1983) aufgehoben. Daraufhin fielen die Preise um ein Drittel.

Die Älteren erinnern sich daher auch noch an die Welthölzer (siehe Foto), die übrigens qualitativ besser waren als die heute meist aus Billigproduktion stammenden Zündwaren.

Zugegeben – ganz hat es nicht gereicht, das Geld aus dem Kreuger-Kredit. Ein gewisser Heinrich Brüning versuchte ab 1930 das Reich auf der Basis Hindenburg’scher Notverordnungen tot zu sparen wie heute die Kanzlerin Europa auf Basis der herrschenden Wirtschaftslehre. Was zweierlei beweist: Betriebswirte sind heute das, was vor 80 Jahren preußische Offiziere waren. Und: Es gibt immer eine Alternative. fb

Man spricht deutsch

In einem Internetforum ging es vor einigen Tagen um Großbritannien. Was produziere und exportiere das Land eigentlich noch? Etwas Marmelade? Whiskey? Dahinter stand die Vorstellung der „Blasenökonomie UK“, die sich allein auf Spekulationen und Wetten der Londoner City stütze, während im Lande selbst sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Abwegig ist das nicht, andererseits schützt auch eine Dominanz der „Realwirtschaft“ nicht vor dem Phänomen einer wachsenden sozialen Kluft, wie das Beispiel Deutschland zeigt.

Großbritannien – da war doch noch was? Stimmt, das Land ist ein wichtiges Ölförderland mit seinen Bohrinseln in der Nordsee. Doch aktuelle Zahlen zeigen, dass den Feldern wohl langsam das Öl ausgeht.

In Italien hat derweil eine Technokratenriege um Ex-EU-Kommissar Mario Monti das Erbe des „Cavaliere“ angetreten. Allerdings ist der Plan, im kommenden Frühjahr Neuwahlen anzusetzen, vom Tisch. Damit nähert sich das Land nun auch der formalen Marktdiktatur. Nicht einmal das „Handelsblatt“ lässt da Zweifel aufkommen.

In Griechenland ist die Situation ähnlich und dazu passt, dass auf dem CDU-Parteitag in Leipzig deren Bundestags-Fraktionschef Volker Kauder jubelt: „Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen.“ Was frühere Generationen nur kurzzeitig erreichten, soll jetzt offenbar nachhaltig gelingen. fb

Falscher Film

„Braune Armee Fraktion“ titelt das Nachrichtenmagazin aus Hamburg. Sozial- und christdemokratische Abgeordnete, für die jeder Autobrand und jeder Fall misslungener Sabotage einer Weiche ein Akt „linken Terrors“ ist, mutmaßen, ob wir es jetzt möglicherweise mit „Rechtsterrorismus“ zu tun hätten.

Der misslungene historische Vergleich des „Spiegel“ verschleiert wesentliche Tatsachen der Affäre rund um die thüringischen Nazi-Desperados.

Etwa die Geschichte des Helmut Roewer, in den 90er Jahren Verfassungsschutzchef in Thüringen, ein ehemaliger Panzeroffizier, der heute im rechten „Ares-Verlag“ publiziert und damals über Honorare an V-Leute die Neonazi-Szene sponsorte. 2006 wurde nach dem Mord an Halit Yozgat in Kassel ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes kurzzeitig verhaftet – er hatte sich als einziger der Zeugen nicht bei der Polizei gemeldet. Es bestand Mordverdacht, doch der Mann wurde wegen Mangels an Beweisen laufen gelassen. Die Mordserie an Besitzern türkischer Imbissbuden („Döner-Morde“) endete daraufhin.

Heute kommt heraus, dass der damals frei gelassene Verfassungsschützer den Imbiss nicht, wie seinerzeit behauptet, unmittelbar vor dem Mord verlassen hatte. In der Wohnung der „Zwickauer Zelle“ wurden nach Medienberichten „legale illegale Papiere“ gefunden. Was darauf hindeutet, dass der (thüringische?) Verfassungsschutz bis zuletzt seine Hand über diese Zelle hielt. Offenbar hat die Republik es mit einem Geheimdienstskandal zu tun.

Unterdessen streicht die Bundesjugendministerin, ganz ihrem Credo folgend, dass es der deutsche Junge ist, der in dieser Gesellschaft unterdrückt und diskriminiert wird, antifaschistischen Projekten die Zuschüsse.

Überflüssig die Frage, ob die Hintergründe des Anschlags auf das Münchner Oktoberfest im Jahre 1980 noch einmal aufgerollt werden – die Asservate wurden 1997 vernichtet. Auch hier gibt es den Verdacht, dass nicht der Neonazi Gundolf Köhler allein verantwortlich war, sondern Geheimdienste im Rahmen einer „Strategie der Spannung“ in die Geschehnisse verwickelt waren. Ganz im Sinne dieser Strategie hatte sich der damalige Kanzlerkandidat der Union, Franz-Josef Strauß, noch in der Nacht des Anschlags an den Tatort begeben und einen Verdacht gegen die RAF geäußert. Da kann Otto Schily nicht ganz mithalten. Aber immerhin: Er stellte sich 2004 in Köln an den Tatort des Nagelbombenanschlags und schloss einen rassistischen Hintergrund aus.

Heute sind Sozial- wie Christdemokraten wieder einmal schockiert über die Existenz braunen Terrors in der Bundesrepublik. Ihre Forderungen reichen vom Verbot der NPD über die bessere Kooperation der Geheimdienste bis hin zu einem Aufstocken der Mittel für das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln. Eindimensionales Denken greift Raum. Der erste Schritt der Besserung wäre es, das Bundesamt wie die Landesämter für Verfassungsschutz zu schließen. Dazu Fefe am 12. November:

 „Ich schlage vor, dass wir den Verfassungsschutz zumachen. Damit schlagen wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens wird den Nazis das Geld entzogen, und zweitens haben die Gentrifizierungsforscher wieder ihre Ruhe.“

Nachtrag: Mit dieser Meldung des Hamburger Nachrichtenmagazins schließt sich dann auch wieder der Kreis zum Oktoberfestattentat 1980 und der „Wehrsportgruppe Hoffmann“. Er könne nichts dabei finden, wenn erwachsene Männer ihre Freizeit im Wald mit Wehrmachtskoppeln um den Bauch verbrächten, sagte Strauß übrigens einst zu deren Aktivitäten. fb

Zugespitzt

Nach Griechenland wird jetzt auch Italien ein De-facto-Generalgouvernement der EU. Während in Athen nach der Absage des Referendums ein ehemaliger Vizepräsident der Europäischen Zentralbank im Amt des Ministerpräsidenten installiert wird, ein „Experte“, wie die große Mehrheit der deutschen Medien treuherzig versichert, und eine „Große Koalition“ nach deutschem Vorbild bilden soll, ist die Lage in Rom diffiziler. Dort ist es neben der EU-Kommission nicht zuletzt die italienische Industrie selber, die auf angeblich „überfällige Reformen“ drängt. Die bestehen, wir ahnen es, aus dem üblichen Katalog der neoliberalen Kirche: Liberalisierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, Privatisierung von Staatsbetrieben, Anhebung des Renteneintrittsalters. Damit wird sicher gestellt, dass auch in Italien zuallererst die Lohnabhängigen die Krisenfolgen zu tragen haben. Das Funktionieren der Finanzmärkte muss gewährleistet bleiben.

In Brüssel und Berlin, aber auch in Turin am Sitz des Fiat-Konzerns und seines publizistischen Sprachrohrs „La Stampa“* ist man sicher, dass Berlusconi zu diesem Umverteilungsprogramm von unten nach oben nicht mehr in  der Lage ist und eine Mitte-Links-Regierung nach einem zu erwartenden Wahlsieg im Februar diese Maßnahmen effizient umsetzen wird. Auch hier steht das deutsche Vorbild Pate. Nach bewährter Manier ist in den deutschen Medien einmal mehr von einem „Reformstau“ die Rede; die Italiener hätten – wir kennen das von „den Griechen“ – viel zu lange „über ihre Verhältnisse gelebt“, heißt es. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland beklagt die „hohen Lohnkosten“, unter denen die italienische Wirtschaft ächze. Unausgesprochen bleibt, dass es die sinkenden deutschen Lohnkosten – also de facto mindestens stagnierende, wenn nicht fallende Löhne – und in deren Gefolge die gigantischen deutschen Exportüberschüsse sind, die die anderen EU-Staaten wie etwa Italien erst in die Abwärtsspirale getrieben haben. Man könnte auch sagen, Deutschland verdirbt die Preise. Aber man sagt es nicht.

Nicht ohne Ironie ist, dass es nun ausgerechnet der rechte Unternehmer und politische Emporkömmling Silvio Berlusconi ist, der durch diese merkwürdige Volte der Geschichte auf der Strecke bleibt. Doch zeigt sich in Italien – und Griechenland – nur drastischer, was auch in Deutschland offenbar ist: Die „Wirtschaft“ duldet in dieser zugespitzten Situation keinen Widerspruch mehr. fb

* Siehe den in dieser Hinsicht bezeichnenden Auftritt des Berliner „La Stampa“-Korrespondenten Alessandro Alviani als angeblichen „Italien-Experten“ im ARD-Morgenmagazin am 9. November 2011

ECEisierung

Das Thema ist interessant, die Schlussfolgerungen, die Stadt- und Marktforscher Stefan Holl (GMA Ludwigsburg) zieht, teile ich nicht. Ich bin durchaus der Meinung, dass die ECEisierung der Innenstädte von groß bis klein, neben dem Online-Shopping, ein gerüttelt Maß zur Verödung traditionsreicher Shoppinglagen beiträgt. Inklusive Privatisierung öffentlichen Raumes. Dazu muss man meiner Meinung nach auch keine „ideologischen Scheuklappen“ aufsetzen, von denen Holl an einer Stelle spricht. Es gibt genug abschreckende Beispiele. Das Interview mit Holl aus Anlass des einjährigen Jubiläums der Saarbrücker „Europa-Galerie“ findet sich im „Forum“. fb

SPD New York

Ja, doch, die gibt es. Für das „Forum“-Magazin habe ich eine kurze, aber interessante Reise in die wundersame Welt der Auslands-SPD unternommen. Was der Artikel verschweigt: Auch andere deutsche Parteien unterhalten Auslandsgruppen. Ob sie es geschickter anstellen?

Und da wir schon bei der bizarren Seite der deutschen Sozialdemokratie sind, hier noch ein Link des Kollegen Alexander Becker von „meedia“. Hübsch, oder?