Nur Auswüchse?

Nach den Occupy-Versammlungen wird darüber geklagt, dass Parteien entgegen der eigentlichen Intention doch in Erscheinung getreten seien. In Bezug auf die Versammlung gestern Nachmittag in Hamburg kann ich sagen: Ja, Parteien und auch Gewerkschaften sind in Erscheinung getreten. Man mag das bedauern, auf der anderen Seite gehören diese Organisationen zu potentiellen Trägern des Protests. Zudem ist es mir oft lieber, jemand sagt oder zeigt klipp und klar woher er kommt. Aber natürlich kann man fragen, was eine Partei wie die „Piraten“, die nach eigener Aussage noch keine Vorstellung von Wirtschaftspolitik hat, auf einer Veranstaltung verloren hat, die sich wie heterogen auch immer gegen das bestehende oder – je nach Standpunkt – praktizierte Wirtschaftssystem richtet. Mit „Transparenz“ allein wird weder dem Kapitalismus noch seinen Auswüchsen – wieder je nach Standpunkt – beizukommen sein.

Trotzdem – die größere Gefahr für die Occupy-Bewegung sehe ich in Verschwörungstheoretikern, die gestern auch auf der Hamburger Veranstaltung herumturnten und streckenweise das „offene Mikrofon“ in Beschlag nahmen, um Botschaften loszuwerden wie die von den Chemikalien, die den Kondensstreifen beigemischt seien, um die Menschen willenlos zu machen. Wer mal Herbert Marcuse gelesen hat, der weiß, dass genau das in den modernen Industriegesellschaften mit ihrer Bewusstseinsproduktion gar nicht nötig ist. Die Schere im Kopf ist viel effektiver als exogen eingebrachte Chemikalien.

Womit ich bei der Mainstream-Presse wäre, aus meiner Sicht zweite große Gefahr für die heterogene, für fast alles offene Occupy-Bewegung. „Der Spiegel“ sucht bereits nach dem Star der deutschen Occupy-Szene und meint sie in einem 20-jährigen Frankfurter gefunden zu haben, der Mitte der Woche offenbar in Maybit Illners ZDF-Polit-Talkshow aufgetreten war. Beruhigendes Statement an die Leser: Nicht der Kapitalismus per se sei schlecht, sondern seine Auswüchse. Eine Kerbe, in die auch „Süddeutsche Zeitung“ schlug. Dort instrumentalisierte Alexander Hagelüken die heraufziehende Bewegung bereits am 10. Oktober besonders dreist – Zitat:

Da wird es Zeit, dass auch in Deutschland Bürger auf die Straße gehen und so die Parteien zum Umdenken zwingen. Nicht, um den Kapitalismus abzuschaffen, sondern um ihn zu reformieren: weniger Einfluss der Finanzmärkte.

Da bleibt nur, dazu aufzurufen, sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Nicht von der Politik, nicht von Teilen der Wirtschaft, nicht von Medien. Ein eigenständiger Prozess muss einsetzen. Einer, an dessen Ende vielleicht die Einsicht steht, dass weder Markt, Kapital noch Geld gottgegeben und unabwendbar sind wie das Wetter. Da hätte Occupy viel erreicht und ich kann noch nicht recht dran glauben.

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