Fast 80 kleine Monopole – Pressevertrieb in Deutschland

Für das Magazin „Forum“ habe ich unlängst zum Thema Pressegrosso recherchiert. Die Thematik ist sperrig, der folgende Text versucht einen Überblick über die Ausgangssituation und aktuelle Entwicklungen zu geben. Mein besonderer Dank gilt meinem Ex-Kollegen Rüdiger Stettinski (mediatribune.de), der sich seit Jahren mit dem Pressegrosso befasst.

Wie kommen Zeitungen und Zeitschriften eigentlich zu den Abonnenten oder an den Kiosk? Diese auf den ersten Blick einfache Frage führt schnell zu komplizierten Erklärungen. Das  komplexe Konstrukt trägt einen profanen Namen: Pressegrosso. Von Frank Behrens

Aus Kunden-, also Verlagssicht, ein reines Anhängsel, macht das Grossogewerbe den Eindruck einer Schattenbranche. Dabei nehmen die Grossounternehmen eine zentrale Aufgabe wahr, denn sie sollen einen wichtigen Part bei der Sicherung der Pressefreiheit spielen. Die ist zwar laut Paul Sethe (1901-67, Gründungsherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“) lediglich die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Im Zeitalter des Internets, das es grundsätzlich jeder Person mit Computer und Zugang zum Netz ermöglicht, die persönliche Meinung zu verbreiten, scheint diese provokante These veraltet. Einerseits. Andererseits ist noch nie ein Medium verschwunden. Mit einem Verschwinden von gedruckten Zeitungen und Zeitschriften ist also ebenfalls nicht zu rechnen. Verlage beziehungsweise Verleger von Druckerzeugnissen sind weiter auf einen funktionierenden Vertrieb angewiesen, wollen sie ihre Meinung und ihre Themen unters Volk bringen.

In Deutschland soll dies das Pressegrosso sicherstellen. Die Bundesrepublik ist aufgeteilt in 83 Vertriebsbezirke. In jedem dieser Gebiete, die im Schnitt eine Million Einwohner haben, ist ein Verlagsgrossist für die Auslieferung der Presseerzeugnisse zuständig. Mithin haben wir es mit 79 kleinen Gebietsmonopolen zu tun. 79, denn es gibt Ausnahmen. In Berlin und in Hamburg teilen sich jeweils zwei Grossisten die Belieferung der Verkaufsstellen wie der Abonnenten. Die insgesamt vier Vertriebsunternehmen in den zwei größten deutschen Städten zählen zur Minderheit der sogenannten „Verlagsgrossisten“, sind an ihnen doch Großverlage, nämlich der Verlag Axel Springer („Bild“, „Welt, „Hörzu“), die Bauer Media Group („Bravo“, „Neue Post“, „Laura“, „TV Movie“) und die Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr („stern“, Geo“) beteiligt. In der Hauptstadt beliefert der Berliner Presse-Vertrieb GmbH & Co. KG (Gruner + Jahr) vornehmlich die westlichen Bezirke.  Die V. V. Vertriebsvereinigung Berliner Zeitungs- und Zeitschriften Grossisten GmbH & Co. KG ist dagegen Teil des Springer-Konzerns und liefert an Verkaufsstellen und Abonnenten in der gesamten Hauptstadt. In Hamburg besteht das Duopol aus Buch- und Presse-Großvertrieb Hamburg GmbH & Co. KG (Axel Springer) und der Pressevertrieb Nord KG (Bauer).

Eben dieses Grossounternehmen, die Bauer‘sche Pressevertrieb Nord, hat dafür gesorgt, dass seit geraumer Zeit auch in zwei an Hamburg angrenzenden Vertriebsgebieten die Gebietsmonopole verlagsunabhängiger Grossisten ausgehebelt wurden. Im nordwestlich der Hansestadt gelegenen Vertriebsgebiet Elmshorn (Schleswig-Holstein) stellte Bauer Ende 2008 die Belieferung des Grossisten Grade ein und vertreibt seine Presseerzeugnisse über die Tochter Pressevertrieb Nord. Analog ging Bauer im südwestlich Hamburgs gelegenen Vertriebsgebiet Stade (Niedersachsen) des damals noch unabhängigen Grossisten Mügge vor. Der Fall Grade ist derzeit noch vor Gericht anhängig, nachdem Bauer vor dem Oberlandesgericht in Schleswig mit seiner Kündigung Recht bekommen hatte. Der Fall Mügge war bis vor das OLG Celle ähnlich gelaufen, doch hat der neue Mügge-Eigentümer, der Bremerhavener Grossist H. H. Nolte, eingelenkt. Am 24. Mai hat der Bundesgerichshof in Karlsruhe die Entscheidung im Fall Grade auf den 18. Oktober vertagt. Das Vorgehen von Bauer, die Kündigung und Nichtbelieferung von Gebietsgrossisten, war ein Tabubruch im deutschen Pressegrossosystem.

Bauer erscheint derzeit mit seinem offensiven Vorgehen isoliert unter den Großverlagen. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass manch konkurrierender Pressekonzern insgeheim vor den Gerichten mitfiebert. Immerhin könnte es sein, dass Bauer sich durchsetzt und die Verlage einzeln mit den Gebietsgrossisten über die Preise verhandeln dürfen und sich nicht mehr dem Bundesverband Presse-Grosso, dem Zusammenschluss der unabhängigen Grossisten, gegenüber sehen. Rüdiger Stettinski, der die Entwicklung des Pressegrosso in der Bundesrepublik seit vielen Jahren als Journalist unter anderem für das Fachblatt „text intern“ und seine eigene Publikation „Media Tribune“ beobachtet, ist sich allerdings sicher, dass „alle anderen Verlage den Weg über die Gerichte für falsch halten“. Auch wenn die größeren möglicherweise die Absicht Bauers, mehr Verhandlungsspielraum für die Verleger herauszuholen, insgeheim mit Sympathien sähen, wollten die kleineren Verlage trotz Bedenken das System im Zweifel erhalten wie es ist, so Stettinski. Denn einen eigenen flächendeckenden Vertrieb könnten sie sich in keinem Fall leisten.

Das Verhältnis zwischen Verlagen und Grossisten hat sich seit Jahrzehnten herausgebildet und wird geprägt durch einige Essentials (im Einzelnen siehe Kasten). Fixiert wurde das System im August 2004 in der „Gemeinsamen Erklärung“ von Verlegern und Grossisten. So gilt für Presseerzeugnisse die Preisbindung, die die Verlage für ihre Produkte mit den Grossisten aushandeln. Hier gibt es keinen Spielraum für die Grossisten, die die Preisbindung an den Einzelhandel weitergeben. Ebenso sind die Vertriebsunternehmen und in ihrem Gefolge die Verlage gehalten, nicht verkaufte Exemplare vom Handel zurückzunehmen (Remissionsrecht). In seinem Vertriebsgebiet hat der Grossist die Pflicht, jede Verkaufsstelle zu beliefern und jede erhältliche Publikations anzubieten (Kontrahierungszwang). Andersherum ist der Einzelhandel aber nicht verpflichtet, jede Publikation in sein Programm aufzunehmen.

Das scheitert oft genug schon am Platz. Denn die sogenannte „Geschäftsart 01“, der Pressevollsortimenter mit Tabak und Lotto, ist seit Jahren auf dem Rückzug. Immer mehr Bedeutung erlangen Tankstellen, Discounter und sogar Bäckereien. Diese Verschiebung geht mit einer Konzentration des Sortiments auf einige wenige Titel einher. Extremfall ist natürlich die Bäckerei, die neben der „Bild“ vielleicht noch eine Lokalzeitung bietet. Aber auch bei den Discountern ist die Konzentration auf einige wenige Titel, die dem Einzelhandel den besten Schnitt versprechen, deutlich. Überflüssig zu erwähnen, dass die „Bild“ den Händlern die größten Margen bietet. Und folgerichtig, dass sie im Laden einen guten Platz bekommt.

In den Vertriebsgebieten der alten Bundesländer außerhalb Hamburgs und Berlins dominieren die verlagsunabhängigen Grossisten, in den neuen Ländern verlagsabhängige Grossisten, deren Marktanteil sich bundesweit auf rund 20 Prozent beläuft. Im Saarland hat der Pressevertrieb Saar Linsenmeier & Klein GmbH (kurz PV Saar) aus Heusweiler das Vetriebsmonopol für Presseerzeugnisse inne. Das Unternehmen war 1947 als Grossohaus Saar GmbH von Erhard Linsenmeier gegründet worden; zu dieser Zeit gab es im Saarland noch sieben Pressevertriebler. 1972 entstand durch den Einstieg des Burda-Grossisten Julius Selbert KG und der Burda GmbH selbst der Pressevertrieb Saar, der nur noch einen Mitbewerber hatte. 1976 schied die Julius Selbert KG als Gesellschafter aus; 1994 verkaufte auch Burda seine Anteile an die Familie Linsenmeier. Seither ist der PV Saar ein verlagsunabhängiger Grossist. Nur vier Jahre später, 1998, fusionierte das Unternehmen mit dem letzten Mitbewerber, der Presse-Grosso Klein GmbH, zur heutigen PV Saar Linsenmeier & Klein GmbH. Seitdem gibt es im Saarland nur noch einen Grossisten und mithin ein Gebietsmonopol.

Ob der Bundesgerichtshof im Herbst diese wettbewerbsrechtlich grundsätzlich nicht wünschenswerte Marktform aus höheren, möglicherweise verfassungsrechtlichen Gründen schützt oder letztlich doch preisgibt, ist eine spannende Frage. Eins scheint gewiss: So oder so können weiter 200 reiche Leute ihre Meinung verbreiten. Und alle anderen übers Netz.

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40 Jahre BAföG

Das Gesetz stammt aus einer Zeit, in der das Wort „Reform“ einen gänzlich anderen Klang hatte: Das Bundesausbildungsförderungsgesetz, kurz BAföG, wird 40.

Und fast ist es das Erstaunlichste, dass es das BAföG, das einst auch Arbeiterkindern eine akademische Laufbahn ermöglichen sollte, noch gibt. Zwischendurch war es als Volldarlehen fast am Ende, doch seit einigen Jahren ist eine kleine Renaissance festzustellen.

Von den Zielen, auch Kinder aus unterprivilegierten Schichten an die Uni zu holen und ihnen ein Studium ohne Nebenjob zu ermöglichen, ist die Realität jedoch weit entfernt. Das „Forum“ druckte heute einen kleinen Geburtstagstext. Mit dem netten Titel „Niemand hat die Absicht, das BAföG abzuschaffen“. Übrigens ein Zitat Angela Merkels aus dem Jahr 2005. fb

Zu Gast im „Morgenmagazin“

Die ARD beging heute in ihrem Morgenmagazin mit dem SPD-Rassenkundler Thilo Sarrazin ein Jahr „Deutschland schafft sich ab“. Im boulevardesken Format „Berliner Frühstück“ bekam der Ex-Bundesbanker und Ex-Finanzsenator von Berlin Gelegenheit, sein Golf-Handicap und seine Einsichten bei Croissant und Café Latte unters fernsehende Volk zu bringen:

„Eine Zuwanderung aus Afrika und Nahost lehne ich ab.“

„Die Asiaten kommen leider nicht zu uns.“

„Die Geburtenrate der Deutschen ist zu niedrig. Wenn das so bleibt, muss jeder Erwerbstätige für einen Rentner sorgen. Wir werden kleiner und die Beiträge werden steigen. Davon geht die Welt nicht unter.“

Den lautesten Protest legte Mitfrühstücker Werner Sonne (ARD) bei der Aussage des Sozialdemokraten an den Tag, er, Sarrazin, sei aus freien Stücken und tiefer Einsicht aus dem Vorstand der Bundesbank ausgeschieden. Die Frage sei nämlich gewesen, ob er oder der Bundespräsident hätte zurücktreten müssen. Da sah der ARD-Mann die Ehre des hohen Amtes beschädigt. Hauptsache, dieser Auftritt hat nichts anderes beschädigt. fb

Gemeine Schärfe

Punjab-Huhn

Vier Esslöffel rote Currypaste erzeugen nebst Chilipulver, Pfeffer, Knoblauch und Ingwer die Schärfe dieses nordindischen Gerichts.

Das zerlegte Huhn wird zunächst gesalzen, gepfeffert und mit Zitrone gesäuert. Sodann gewürzt mit Curcuma, Cumin und Koriander. Anschließend in Ghee (geklärter Butter) oder Öl angebraten. Bevor weitere Gewürze (Nelken, Lorbeer, Zimt und Kardamomkapseln) angebraten werden, wird das Fleisch warm gestellt. Zu den angebratenen Gewürzen werden gehackte Zwiebeln, Knoblauch und Ingwer hinzugefügt und circa vier Minuten angeschwitzt. Nun werden vier Esslöffel rote Currypaste eingerührt, vier gehackte Tomaten, 300 ml Hühnerbrühe und das Fleisch zugefügt. Circa 30 Minuten bei geringer Hitze geschlossen schmoren. An Basmatireis servieren. Die Schärfe neutralisiert man am besten mit einem Joghurtlassi.