Selbstmitleid

Heute habe ich irgendwo gelesen, ich glaube, es war bei Facebook, dass der Kommunikationsbranche die Zukunft gehöre. Umsätze und Gewinne stiegen, hieß es. Bezeichnend schon, dass Umsätze und Gewinne mit Zukunftsfähigkeit gleichgesetzt werden und die Qualität keine Rolle zu spielen scheint. Blickt man einmal genauer auf die „Kommunikationsbranche“, speziell auf deren traditionsreichste Sparte, das gedruckte, in Zeiten des Internet auch online servierte Wort, kommen einem schon Zweifel an der Zukunftsfähigkeit der Kommunikationsbranche als Ganzes.

Willkürliches Beispiel: die „Süddeutsche Zeitung“. Früher ein debattierfreudiges, auch mal aneckendes Medium von Rang. Eines, das sich etwa auch weit über jeden Lokalpatriotismus zu erheben wusste. Heute zurückgesunken auf das Niveau einer durchschnittlichen Lokalzeitung. Exemplarisch der nicht endende wollende Kommentar eines gewissen Ulrich Schäfer im heutigen Lokalteil zur Niederlage Münchens in der Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2018.

Das IOC habe sich mit seiner Entscheidung gegen die Kultur gestellt:

Hier München mit seiner 853jährigen Geschichte, dem Oktoberfest, dem Viktualienmarkt, den prachtvollen Schlössern im Umland.

Ohweh, das IOC hat sich für Asien, für den Kommerz entschieden:

Und dort ein asiatischer Skiort aus der Retorte, dessen Straßen so heimelig sind wie ein mittelprächtiges Einkaufszentrum; ein Ort, dessen Pisten für Olympia aus dem Boden gestampft wurden, weil im Umkreis von zwei Flugstunden angeblich eine Milliarde Menschen darauf warten, das tun zu können, was die Europäer seit Jahrzehnten machen: Ski fahren.

Man darf schon fragen, auf welchem Planeten Ulrich Schäfer die letzten Jahrzehnte gelebt hat. Der Planet Erde/Deutschland/Bayern/München kann es wohl wirklich nicht gewesen sein. Die bayerische Metropole, das sanfte und bescheidene Dorf von Welt, das sich tapfer jedem Kommerz entgegenstellt. Offenbar so weit konsensfähig in der „SZ“-Redaktion, dass dieser Kommentar heute zum Aufmacher der ganzen Website wurde. Was will die „SZ“ damit beweisen? Naiven Provinzialismus?

Das große Dorf an der Isar ist durch Olympia 1972, die Fußball-WM 1974 und die vielen internationalen Bands, die in den siebziger Jahren hier ihre Schallplatten aufnahmen, beinahe zur Weltstadt aufgestiegen. Doch in den vergangenen Jahren wirkte München zu selbstgefällig, zu zufrieden mit sich. Olympia hätte manches aufgebrochen, nicht nur den Untergrund der Innenstadt, durch den bis 2018 ein zweiter Tunnel für die S-Bahn getrieben werden sollte.

München=Robert Lembke, Gustl Bayrhammer, Franz Beckenbauer und Donna Summer. Das große Dorf an der Isar. Verklärter geht’s nimmer. Und klar, wer das Idyll stört: widerspenstige alpenländische Bauerntrampel, die ihre Heimat partout nicht für ein paar Parkplätze des IOC-Tross betonieren lassen wollen.

(…) eine Bewerbung, die sich anfangs an widerspenstigen Bauern abarbeitete, die von Finanzproblemen begleitet war und die mittendrin ein neues Gesicht und damit neuen Schwung bekam: Kati Witt, die ostdeutsche Eislauf-Heldin, übernahm von Willy Bogner, dem glücklosen Filme- und Modemacher und einstigen Skirennläufer.

Womit zugleich die tragische Heldin eingeführt ist. Das schwungvolle, sympathische Mädel aus dem Osten – Kati Witt. Allzeit bereit, sich den Gegebenheiten der Zeit anzupassen und ihr Äußeres in bare Münze zu verwandeln. Natürlich fehlt bei Schäfer nicht die „Jugend der Welt“, die nun einen Bogen um die Stadt machen werde. Ebenso wie die „Konzerte von Weltrang“, die zuletzt eher „in Freiburg und Wuppertal“ stattgefunden hätten. Welch Schmach für die Stadt des Oktoberfestes! Doch überlassen wir die fast letzten Worte noch einmal Ulrich Schäfer:

Die Münchner Olympia-Bewerber werden sich in den nächsten Wochen fragen: Was haben wir falsch gemacht? Waren wir zu fair? Am Ende könnte der Entschluss stehen, sich nochmals zu bewerben, für 2022. Und zu zeigen, dass die olympische Idee nicht bloß dem Geld verpflichtet ist, sondern auch der Tradition.

Genau. Geld und Kommerz spielen in München keine Rolle. Alles die bösen und hinterhältigen Asiaten. Frank Behrens

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3 Gedanken zu „Selbstmitleid

  1. und manuela neuner zweifelt bereits, ob die südkoreaner für „stimmungsvolle“ spiele sorgen können/werden. engstirnig und zutiefst provinziell – von der sz ganz zu schweigen. hast du schön geschrieben, frank!

  2. Jack, schön auch Schäfers Frage am Ende: „Waren wir zu fair?“ Werden „wir“ Deutsche nicht schon immer um die Welt betrogen, weil „wir“ zu fair sind…? Man darf diesen Stuss wirklich nicht zu Ende denken…

    Hat die Neuner das im Radio gesagt? Stimmung können halt auch nur „wir“… Ich war ja von Anfang auf Seiten der widerspenstigen Garmischer Bauern, die sich gegen dieses ganze herausgeputzte Bewerbungskomitee um Ude und Witt samt gleichgeschalteter Sportpresse stellten. Köstlich, dass diese Bauern letztlich gewonnen haben, wenn auch mit Hilfe der korrupten IOC-Funktionäre. Welch Ironie!

  3. du sagst es! zitat neuner im sportteil der westfälischen nachrichten von heute: „Die Spiele … werden sicherlich gut organisiert sein. Aber ob dort tatsächlich so etwas wie Begeisterung aufkommt, muss man abwarten.“

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