Als Springers mal nach Lübeck fuhren

Springers Heimatzeitung hat den deutschen Nationaldichter gesprochen. Drei Redakteurinnen und Redakteure, darunter der Chef, und ein Fotograf begaben sich auf die A1 und legten die etwa 60 Kilometer zum Günter-Grass-Haus in der Lübecker Innenstadt zurück.

Heraus kam ein opulent bebildertes, zweiseitiges Interview – nordisches Format – samt Eingangsschmonzette („Der Weg zu Günter Grass führt über eine steile Holztreppe“) im Kultur-Teil des „Hamburger Abendblatt“. Überschrift: „Ich bin radikaler geworden.“ Dem Titel brachte der Lübeck-Ausflug die Headline „Grass warnt Deutsche vor Öko-Diktatur“ ein.

Wie das? Das weckte nun doch mein Interesse und ich erwarb gegen meine sonstige feste Gewohnheit Springers heißes Blatt. Eine weitere Neuerfindung des ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS? Des SPD-Wahlkämpfers („Willy wählen“) und langjährigen Springer-Boykotteurs? Das Ergebnis ist ernüchternd.

Neben allerlei zeittypischen Erwägungen zur Atomenergie im Allgemeinen und zur schwarz-gelben Laufzeitverlängerung im Lichte von Fukushima im Besonderen dämmert dem Literaturnobelpreisträger irgendwann, wer ihm gegenüber sitzt. Auf die „Abendblatt“-Bemerkung „Sie haben ja eine Zeit lang Medien boykottiert“, antwortet der 83jährige Grass:

Ja, die von Springer. Sie sind doch von Springer?

Die treuherzige Antwort der Heimatzeitungsredakteure kommt prompt: „Ja, das Hamburger Abendblatt erscheint in der Axel Springer AG.“ Darauf wieder Grass:

Ich mache hier die Ausnahme, weil es um die Atomfrage geht.

Diese Bemerkung leitet die Passage ein, aus der das „Abendblatt“ später die Titel-Headline deichseln sollte, nach der Grass angeblich vor einer Öko-Diktatur warne. In Wirklichkeit sagt der Mann, der seinen Prinzipien wohl besser treu geblieben wäre, auf die Frage „Glauben Sie, dass das Thema Atomenergie heute das wichtigste Thema ist?“:

Wissen Sie, das gibt es nicht, EIN wichtigstes Thema. Das Ende der Ressourcen, das Ende des Wachstums, die Globalisierung, die Wasserknappheit, das alles ist genauso wichtig. Die Gefahr ist, dass sich in naher Zukunft all das zusammenballt. Die Verteuerung der Lebensmittel, die die Menschen hier nur ein wenig ärgert, schlägt in der sogenannten Dritten Welt existenziell zu Buche. Ob das der steigende Soja- oder Reispreis ist.

Hamburger Abendblatt: Was befürchten Sie, was kommt konkret auf uns zu, wenn all diese Dinge sich ballen?

Grass: Meine schlimmste Befürchtung ist, dass wir eine Öko-Diktatur bekommen. Wir müssten dann mit Notstandsverordnungen leben. Die Atomkatastrophe in Japan kann man nicht mehr so handhaben wie Tschernobyl zu Zeiten der Sowjetunion. (…)

Hamburger Abendblatt: Das heißt, nur eine Diktatur kann gegen solche Katastrophen vorgehen, weil die Demokratie so lange diskutiert, bis das Problem …

Grass: … jetzt machen Sie einen gewaltigen Schritt. Nein, wir müssen auf demokratische Art und Weise die Politiker wieder handlungsfähig machen und den Einfluss der Lobby begrenzen. (…)

Hamburger Abendblatt: Das bedeutet, dass Demokratien mit dem Ausmaß der Katastrophen, die auf uns zukommen, gar nicht umgehen können?

Grass: Ja, sicher Die Notstandsgesetze der Bundesrepublik sind bis jetzt noch nicht zur Anwendung gekommen – Gott sei Dank. Aber sie schlummern… Das wäre dann der erste Schritt…

(alle Zitate aus der gedruckten Ausgabe des Hamburger Abendblatt vom 9. April 2011)

So bekam das „Hamburger Abendblatt“ mal eine schöne Titelschlagzeile, die nahelegt, Grass warne die Bundesbürger vor einer Öko-Diktatur und die dabei unterschlägt, was Grass wohl eigentlich meinte: Atomstaats-Szenarien, wie sie Robert Jungk in den siebziger Jahren zeichnete. Bezeichnenderweise fällt der Name Jungk an anderer Stelle im Interview, ohne unmittelbaren inhaltlichen Zusammenhang zur zitierten Passage.

Also keine wiederholte Neuerfindung Grass‘, doch wohl ein Fehler seinerseits, den Springer-Boykott, den er seit 1967 durchhielt, zu durchbrechen.

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